Wandern
"Fahrende Gesellen" und "Schaustellervolk", Pilger und Bettler - nur die Entwurzelten und solche, die eine Mission zu erfüllen hatten, begaben sich dereinst auf Wanderschaft.
Wandern als Selbstzweck wurde zuerst im späten 18.Jahrhundert vom aufstrebenden Bürgertum entdeckt, unterstützt von vielen Adligen, als Empfindsamkeit und Romantik die Schlagworte der Zeit waren. Schon Goethes "Werther" begibt sich auf lange, ausgiebige Spaziergänge. Gewandert wurde nun um des Naturerlebnisses willen und um des "Einsseins mit Gott." Wunderbar beschrieben wurde dieses Verquickung von Natur und Persönlichkeit in den Vierziger Jahren des 19.Jahrhunderts von Georg Büchner in seinem "Lenz." Lenz, der kurz vor der Psychose stehend, die winterliche Landschaft der Vogesen "erwandert" und dabei immer mehr seine Stimmungen, mit dem Wetter und dem Klima des Gebirges vermengt ist eine Paradebeispiel für die Verquickung von Natur und Seele auf der Wanderschaft.
Mit dem Aufkommen der Turn- und Sportvereine, die in der Mitte des 19.Jahrhunderts aus politischen Gründen ins Leben gerufen wurden, gründete man auch die ersten Wandervereine. Neben der Freude am gemeinsamen Wandern und Aufenthalt in der Natur, stand hier auch die Zusammenkunft, die bei Vereins- und Versammlungsverbot auf möglichst unauffällige Weise zustandekommen musste. Trotz dessen sind viele, der uns noch heute bekannten Wanderlieder um diese Zeit entstanden. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden die ersten Nationalparks und Naturschutzgebiete gegründet, die der "Wanderlust" weiteren Auftrieb gaben.
Einen "Boom" erlebte das Wandern zu Beginn des 20.Jahrhunderts mit den "Wandervögeln." Junge Menschen beiderlei Geschlechts, zumeist aus liberalen, bürgelichen Familien stammend, zogen großstadtmüde mit Klampfe und Zelt in die Wälder hinaus, übernachteten in Scheunen("Buben" und "Mädchen" noch getrennt) und drückten so ihre Zivilisationskritik aus. Noch war es ein recht bunter Haufen, die "Horde", die da gemeinsam "auf Fahrt" ging.
Jugendherbergs- und Reformhausbewegung, Landschulheime und Naturfreundehäuser, all das haben wir den "Wandervögeln" zu verdanken. Sogar die Wurzeln der Ökologiebewegung der Siebziger Jahre sind hier zu finden.
Die nach dem Ersten Weltkrieg aufkommenden Jugendbünde führten diese Tradition fort, auch heute noch ist beispielsweise bei den Pfadfindern das Wandern zentraler Bestandteil jedes Wochenend- oder Sommercamps. Im Laufe der Weimarer Republik organisierte sich ein großer Teil der Jugendbünde immer straffer, der anti-demokratische und nationalistische Trend machte auch vor den Wanderfreunden nicht halt. In den folgenden Jahren wurde nicht mehr gewandert, sondern marschiert.
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches begannen sich die Wander- und Naturfreundevereine wieder neu zu organisieren. Wandernetze wurden aufgebaut, neue Wanderwege markiert, der Tourismus, vor allem in den Gebirgsgegenden, angekurbelt. Nach und nach wurde das Wandern zum Volkssport: günstig, naturnah, gesund und für jedes Alter geeignet. An das "Begeben auf Wanderschaft" auf den "entbehrungsreichen Pilgerpfad" erinnert heute nur noch die Beliebtheit des Jakobsweges von Baden-Württemberg oder der Schweiz aus über das Zentralmassif und die Pyrenäen in Frankreich nach Santiago de Compostela in Nordspanien. Wandern, nicht nur als Erholung vom Alltag in der Natur, sondern als kontemplativer Weg zur inneren Einkehr, ist ein neuer Trend, der von den Medien bereits wieder entdeckt und in Büchern und Filmen vermarktet wurde.
